Endlich da – was Zürcher ins Glarnerland zieht
Aktualisiert: 29. Sept.
Städter suchen ihr Glück jetzt im Glarnerland: Ein Besuch der Neuen Zürcher Zeitung in Ennenda.
Quelle: Neue Zürcher Zeitung NZZ, 26. September 2026, von Aline Wanner
Nicht überall sind die Wohnungen teuer, die Schlangen lang und die Wartelisten allgegenwärtig. Das alte Industriedorf Ennenda in Glarus lockt als Alternative zum städtischen (Dichte-)Stress.
Aktuelle Immomailing-Inserate / Schweiz
Reihenhaus – mit Laden, Atelier und Schopf
8755 Ennenda
Miete 2400
Zimmer 5,5
Fläche 185
Wer Zürich kennt, kennt auch diesen Moment: Man liebt die Stadt – ihre Dichte, ihre Kultur, ihre Intensität. Und trotzdem spüren manche, dass etwas fehlt: Raum. Luft. Möglichkeiten.
Das Haus ermöglicht diesen Schritt. Ich habe ihn selbst gemacht: Nach vielen Jahren in Zürich bin ich mit Familie und Büro ins Glarnerland gezogen, aus einem einfachen Grund: mehr Raum und deutlich tiefere Fixkosten – ohne dass Zürich plötzlich weg ist. (. . .) Mit der S 25 ist man im Halbstundentakt innert einer Stunde am HB.
Der Druck auf Zentren wie Zürich steigt, die Mieten werden höher, der Platz weniger, und jeden Tag hat ein Politiker eine neue Idee, wie man – irgendwann in ferner Zukunft – die Wohnungsnot bekämpfen könnte: Bürokratie abbauen, umnutzen, verdichten. Aber warum nicht einfach wegziehen? Orte mit guter Infrastruktur und S-Bahn-Anschluss locken immer mehr Städter an. Orte wie Ennenda.
Ennenwo? Ennenda, ennet der Linth, grenzt jenseits des Flusses an Glarus und glänzt mit altem Charme: bunte Häuserzeilen, ehemalige Fabrikantenvillen, breite Strassen und ein prunkvolles Gemeindehaus zeugen von einer Zeit, in der das Dorf dank der Textilindustrie zu den reichsten Gemeinden des Landes zählte. Seit fünfzehn Jahren gehört Ennenda politisch zu Glarus, aber ihre Identität haben die 2600 Einwohnerinnen und Einwohner mit der Fusion nicht abgelegt.
Die Ennendaner haben eine lange Geschichte mit Auswärtigen, Hunderte italienische Gastarbeiter waren in Spinnereien, Druckereien und Webereien im Einsatz. Mitte des 20. Jahrhunderts lebten über 3000 Leute in Ennenda. Dann schlossen die Fabriken, und die Bewohner zogen weg. Aber seit ein paar Jahren ändert sich das.
In Häusern und Wohnungen, die lange leer standen, leben wieder Leute. Der Ort lockt: Ennenda ist ländlich und doch urban, grün und doch gut angebunden. In den vergangenen Jahren fanden hier manche Zürcher eine Heimat, die aus der anstrengenden Stadt flüchteten und ihr trotzdem nicht ganz entfliehen mochten: Medienschaffende, Unternehmerinnen, Architekten, Künstler, Rentner.
Verwandelt sich das alte Industriedorf bald in einen Vorort Zürichs?
I Der Entdecker: Ein Architekt findet Raum und ein bisschen Ruhm
Das Inserat, mit dem der Architekt Lando Rossmaier im Frühling 2026 in einem Immo-Newsletter ein Haus im Glarnerland zur Miete anbietet, spricht jene an, denen es in Zürich zu eng geworden ist. Jene, denen etwas fehlt: Raum, Luft, Möglichkeiten. Die Stadt, die einst ein Versprechen war, ist für viele ihrer Bewohner zum Korsett geworden.
Auch Lando Rossmaier kämpfte als selbständiger Architekt, womit viele irgendwann kämpfen: mit hohen Fixkosten und überschaubarem Einkommen. Über seine Sorgen und Zweifel in Zürich äusserte sich Rossmaier in Fachmagazinen. Etwa, dass er merkte, keinen Unterschied machen zu können. «Es war egal, ob ich da oder woanders war.» Ein Entdecker in einer lückenlos vermessenen Welt.
Gleichzeitig vermisste Rossmaier die Leere, die Freiräume, den Fokus und die Natur. In der Architekturzeitschrift «Hochparterre» spricht er über seine Kindheit im «Niemandsland» Niederbayern, die er in der Gaststätte auf dem Bauernhof seiner Eltern verbrachte. Dann zog er vor zwölf Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Ennenda.
Rossmaier steht für den Beginn einer Entwicklung. Er testete, ob das Glarnerland eine praktikable Alternative zur Metropole sein kann.
Heute ist Lando Rossmaier 52 Jahre alt und zufrieden mit seiner Entscheidung – obwohl es ihm damals nicht leichtgefallen ist, Zürich zu verlassen. In einem Briefwechsel in «Werk, Bauen + Wohnen» beschreibt er es so: Glarus, wo? Wird das gehen? Könnte ich dort überhaupt Mitarbeiter für das Büro finden? Es sei wie ein Flug auf den Mond gewesen.
Die Rossmaiers sind auf dem Mond heimisch geworden. Sie leben und arbeiten in Ennenda im alten Metzgerhaus und haben, was in Zürich immer zu knapp war: Zeit und Luft.
Und auch Erfolg stellt sich offenbar häufiger ein. Auf der Website des Büros präsentiert Rossmaier seine Projekte. In Glarus gewann der Architekt den einen oder anderen Wettbewerb: etwa für den Linthsteg oder das Gemeindehaus Glarus Süd. Plötzlich macht es einen Unterschied, ob er da ist oder nicht.
Inzwischen gehört den Rossmaiers im Dorf noch eine zweite Liegenschaft – jenes Haus, mit dem er im Zürcher Newsletter auf Mietersuche ging. Für die Pioniere von damals schliesst sich damit ein Kreis: Sie vermieten heute selbst Raum, den sie einst in der Stadt vergeblich suchten.
II Der Alien: Ein Star zieht nach
Adam Caruso trinkt in seinem Studio in der Zürcher Binz ein Mineralwasser und klagt über die Zumutungen des Lebens als Globalist. Fünfzehn Jahre pendelte der Stararchitekt, heute 66, zwischen Zürich und London. Caruso ist etwa bekannt für die Gestaltung von Damien Hirsts Newport Street Gallery oder dem Kunstmuseum Tate Britain. Während der Covid-Pandemie wurde ihm bewusst, dass er des urbanen Lifestyles der städtischen Oberschicht überdrüssig ist. «Ich habe eine Flughafenphobie entwickelt», sagt Caruso.
Sich niederlassen also, aber wo? Von London seien sie müde geworden, und auch Zürich war für ihn als Wohnort nicht mehr besonders attraktiv. Die Stadt habe sich verändert, sei glatt geworden. «Zürich ist zu teuer für das, was es ist.» Der Architekt und seine Frau Helen Thomas, eine Architekturhistorikerin und Autorin, suchen nach einer geeigneten Residenz auf dem Land.
Das Paar darf wählen: England oder die Schweiz?
Caruso fällt die Entscheidung leicht, weil er einen fundamentalen Unterschied im Landleben wahrnimmt: die soziale Topografie. In der Schweiz findet der Architekt viel mehr soziale Durchmischung. Das habe er als Professor an der ETH bemerkt: «Ich unterrichtete Studenten, deren Eltern Bauern sind. Die einzigen Bauernkinder, die in England studieren könnten, wären jene reicher Landbesitzer.» Für Caruso und seine Frau ist die Vielfalt ein Grund zu bleiben. Aber wo genau?
Caruso fragt seinen Büromanager nach einem Ort, den er in den Ferien auskundschaften könnte. Ein schöner Fleck, aber nicht so touristisch wie Graubünden. Sein Mitarbeiter schickt Caruso nach Glarus, in Ennenda würden Freunde von ihm wohnen, und es gefalle ihnen sehr.
Adam Caruso und seine Frau kannten Glarus von einer Veranstaltung im Kunsthaus, das eine Architektenfreundin renoviert hatte. Sie buchten ein Airbnb, «und so verliebten wir uns in Ennenda». Später meldeten sie sich bei Lando Rossmaier, den sie über Freunde kannten. Rossmaier lud sie zum Nachtessen ein und schickte ihnen ein Inserat eines Hauses gegenüber, das zu kaufen war. So ebnete er den Weg für die Ankunft der Expats.
Sie hätten «einen ziemlich fairen Preis für ein riesiges Barockhaus» bezahlt, sagt Caruso. Das war vor vier Jahren, am Anfang des neuen Aufschwungs. Verändert hat das Architektenpaar im 250-jährigen, unrenovierten Haus kaum etwas: Sie erneuerten nur die Küche, das Badezimmer und die Elektrizität. Nachdem Flugreisen und Grossprojekte viele Jahre Carusos Karriere getaktet hatten, wandte er sich mit dem Älterwerden mehr der Ökologie und sanften Sanierungen zu.
Adam Caruso und Helen Thomas folgten dem Ruf ihres städtischen Netzwerks, das sich im Glarnerland eingenistet hatte. Es ist ein klassisches Muster der Aufwertung: Die Pioniere wagten den Mondflug, ihre Nachfolger wissen die vertraute Gegenwart ihres eigenen Milieus zu schätzen. «In Ennenda gibt es Leute, die uns ähnlich sind», sagt Caruso. Anders als auf dem englischen Land fand er in der Schweizer Peripherie ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Und wie zugehörig sind Caruso und seine Frau den Glarnern? «Wir werden immer Aliens bleiben, aber wir geben uns Mühe», sagt er. Im Unterschied zu ihm spreche Helen aber gut Deutsch und engagiere sich im Stiftungsrat des Anna-Göldi-Museums. Ausserdem turne sie im Verein und organisiere bei ihnen zu Hause Events für Einheimische und Freunde aus Zürich und anderswo. Das Paar besucht auch gerne Vernissagen und Veranstaltungen im Kunsthaus oder in anderen Lokalen in der Gegend.
Wenn Caruso am Abend in Zürich in den Zug steigt, möchte er die Urbanität nicht hinter sich lassen. Lieber wollen er und seine Frau städtisches Flair auf dem Land geniessen – und in einem Ort leben, dessen Preise zwar tiefer und dessen Räume leerer sind, der aber geistig und kulturell doch auf hohem Niveau etwas bietet.
III Der Veredler: Ein Goldschmied investiert
Dominik Steiner ist jetzt 64 Jahre alt und wird die Stadt, in der er fast sein ganzes Leben verbrachte, nach seiner Pensionierung verlassen. Noch arbeitet der Goldschmied in seinem Laden in der Winterthurer Altstadt, den er seit über dreissig Jahren betreibt. Hier, in den hohen Räumen mit eleganten Vitrinen, empfängt er seine Kunden, die «eher im oberen Preissegment» kaufen. Ein perfekt geschliffenes Berufsleben, das er bald aus der Fassung bricht, um es im Glarnerland noch einmal neu zu formieren.
Dominik Steiner müsste lügen, wenn er sagen würde, er leide unter Geld- oder Platznot. Er besitzt ein Privileg, das vielen Menschen in Zürich fehlt: eine grosse Wohnung in guter Gegend. Dennoch macht Steiner zu schaffen, wie sich seine Heimat in den vergangenen Jahren verändert hat: immer mehr Touristen, mehr Leute am See, überall Gedränge, die Nachbarn müssen gehen, weil die Häuser teuer saniert werden. Dominik Steiner und Zürich – sie haben sich voneinander entfremdet.
Steiner wird seinen Arbeitsplatz in Winterthur gegen einen in der alten Mühle in Ennenda eintauschen. Das Haus im Dorfzentrum hat er zusammen mit seinem Partner aufwendig saniert: Der Architekt Lando Rossmaier half ihm bei der Auswahl lokaler Materialien und der Gestaltung in modernem Design.
Oder, wie Dominik Steiner es formuliert: «Es hat ein paar Architektenfürze drin.» So ist die Fassade in alter Tradition in einen Schindelschirm gekleidet – eine schützende Haut aus Tausenden handgeklopften Holzplättchen, die sich schuppenartig über die Dämmung legt.
Dominik Steiner ist ein Ästhet mit Sinn für edle Fürze, er spricht lange und gerne über die Details in seinem Haus: die Ofentreppe im Holzstrickbau, den verglasten Giebel und die französischen Balkone über dem vorbeifliessenden Dorfbach. Hier will er künftig ein Glas Weisswein geniessen. Die Zimmer sind bereits fertig eingerichtet. Inmitten der historischen Substanz stehen bunte Designermöbel, die mit dem rauen, historischen Charakter brechen.
In Zürich werden Wohnungen zu Renditeobjekten umgewandelt, und die Dichte wächst. Steiner geht den umgekehrten Weg. Er baut nicht auf Profit, sondern auf Substanz. Die Millioneninvestition in die alte Mühle sieht er nicht als Verlustgeschäft, sondern als Haltung gegenüber dem Dorf. «Ich habe diesem Haus ermöglicht, weitere hundert Jahre zu existieren», sagt Steiner. «Ich gebe das der Allgemeinheit zurück.»
Die Idee, die heruntergekommene Mühle in ein modernes Atelier zu verwandeln, kam Steiner während eines Spazierganges in Ennenda. Er kennt das Dorf seit vielen Jahren. Sein Partner stammt aus dem Ort, sie verbringen gerne ihre Wochenenden dort. Steiner fand heraus, wer der Besitzer ist.
Schliesslich setzte Steiner seine Schwiegermutter auf die Sache an. In der Migros redete sie mit den Besitzern und fädelte den Deal ein. Ein paar Tage später schauten sich Dominik Steiner und sein Partner die alte Mühle an – und kauften sie schliesslich «zum Landwert». So erwarben sie nicht nur ein Stück Dorfgeschichte, sondern auch das Fundament für den Rückzug aus dem städtischen Getriebe.
Vom Neuanfang im Glarnerland verspricht sich Steiner mehr Ruhe und Freiheit. Während in der Stadt ständig alles «bespielt» werde, sucht er im Tal das Gegenmittel: einfach einmal sein.
Auch dem Sechs-Tage-Arbeitstakt setzt Steiner ein Ende. Die alte Mühle in Ennenda erlaubt ihm zu arbeiten, wenn es für ihn passt. Als eine Kundin anfragt, ob er künftig auch Kurse gebe, nickt er: «Das könnte ich mir dort vorstellen.» Das eigene Handwerk weitergeben in einem Haus, das selbst ein Schmuckstück ist.
IV Der Vorreiter: Modell Zürcher Lohn und Glarner Zins
Als Andi Maerz beschliesst, von Zürich nach Glarus zu ziehen, wird es noch mehr als dreissig Jahre dauern, bis der Begriff Dichtestress Karriere macht. Lange vor Rossmaier, Caruso und Co. entscheidet sich Maerz aufzubrechen.
Ende der 1970er Jahre will Maerz, der in Schwamendingen aufgewachsen ist, in Zürich studieren. Er hat aber keine Wohnung und keinen Job. An einer Party im Jugendzentrum trifft er einen Mann, der ihm erzählt, dass er gerade für wenig Geld ein Haus «da hinten» in Glarus gekauft habe.
Maerz fährt nach Diesbach, einem Dörfchen im Glarner Hinterland, und schaut es sich an. Er findet nicht nur günstigen Wohnraum, sondern auch ein Geschäftsmodell: Maerz zieht ein und vermietet die anderen Zimmer für einen kleinen Aufpreis an Studenten aus Zürich. So sichert er sich ein Einkommen und eine kreative Umgebung. «Wir waren eine Künstlerkolonie, es war immer etwas los, manchmal waren Leute da aus Berlin.» Am Tag besucht Maerz Vorlesungen in Zürich, am Abend weilt er im Glarnerland.
Die wilden Jahre in Diesbach enden für Andi Maerz 1986. Mit seiner Hochzeit tauscht Maerz die Künstlerkolonie gegen ein beschauliches Familienleben ein. In Ennenda mieten Maerz und seine Frau ein altes Reihenhaus, in dem früher Arbeiter lebten. Später ziehen sie mit den beiden Kindern in eine Wohnung mit einem Garten, die ihnen noch mehr Platz bietet.
Nach Zürich zurückzuziehen, darüber denkt Maerz gar nie mehr nach. Der Fluchtort hat sich in eine Heimat verwandelt. «Ich fand rasch Freunde in Glarus, und in Zürich hätten wir uns schon damals nichts Ähnliches leisten können.» Eine Weile arbeitet Maerz als Reporter für die Lokalzeitung – so lernt er noch mehr Leute kennen. Und er lernt, neugierige Fragen zu stellen.
Auf dem Heimweg kommt Maerz regelmässig an einer der alten Villen vorbei: herrschaftliche Häuser im Zentrum Ennendas, in denen früher die wohlhabenden Fabrikbesitzer lebten. Ihm fällt auf, dass eine der Villen saniert wird. In der Zeitung findet er ein Inserat, in dem sie zur Miete ausgeschrieben ist. Er ruft den Makler an und fragt, was sie koste: mehr als 8000 Franken im Monat. Maerz winkt ab.
Ein paar Wochen später entdeckt Maerz das Inserat noch einmal und meldet sich wieder. Der Villenbesitzer entpuppt sich als «reicher Erbe und erfolgreicher Architekt». Er lebt in der Westschweiz und möchte auch dort bleiben. Die Villa umzubauen, sei für ihn «ein schönes Hobby» gewesen. Maerz macht dem Erben einen Vorschlag: «Ich zahle die Hälfte.» Der Eigentümer willigt ein.
Und so zieht Andi Maerz mit seiner neuen Frau in eine Villa, die selbst für ihre Patchworkfamilie zu gross ist. Sie suchen sich Untermieter. «Es war eine schöne Zeit: immer viel los, wir spielten, haben zusammen gegessen, veranstalteten Hauskonzerte, luden zu Festen.» In den achtzehn Jahren, in denen sie in der Villa leben, hören sie nie mehr etwas vom Eigentümer. «Ich denke, er war froh, fand jemand Freude am Haus und behandelte es mit Sorgfalt. In Zürich? Unmöglich!»
Während Maerz in Ennenda für wenig Geld feudal lebt, arbeitet er wieder in Zürich für verschiedene Medienunternehmen, auch für die NZZ. Die kurze Pendeldistanz hilft ihm, am Puls der Grossstadt zu bleiben – denn berufliche Herausforderung bietet nun einmal das Zentrum. Maerz fährt täglich eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Die Rechnung stimmt für ihn: ein Glarner Zins und ein Zürcher Lohn.
Mit der Zeit fällt Maerz in Zürich auf, wie alles enger und englischer wird. «Ich muss ständig reservieren: Termine, Tische, Tickets.» Das sei in Glarus ganz anders, auch wenn das Tal wieder lebendiger werde.
V Kartoni-Experiment: Ein neues Quartier entsteht.
Dass im Tal neues Leben einkehrt, daran baut Andi Maerz heute selbst mit. Vierzig Jahre nach seinem Einzug in die erste Künstler-WG betreut er die Kommunikation für das Kartoni-Areal. Auf dem alten Industriebrachland zeigt der Entwickler Röbi Sutter, was aus Maerz’ alter Studentenidee im Grossmassstab werden kann: ein 150-Millionen-Quartier für 300 neue Bewohner.
Es ist die grösste Siedlung seit dem Brand von Glarus 1861. Kartoni hat, wie die meisten grossen Bauprojekte, viele Freunde und einige Gegner.
Es gibt jene, die davon profitieren werden: die Investoren, die damit Geld verdienen, die zukünftigen Eigentümer und Mieter, die hier ein neues Zuhause finden, und die Politiker, die sich auf mehr Leben und mehr Steuereinnahmen freuen.
Und es gibt die Skeptiker. Zu ihnen gehört der Architekt Adam Caruso. Ihn stört die Tiefgarage mit rund 200 Plätzen, vor allem aber der Abbruch der alten Fabrikstrukturen. Caruso möchte städtische Qualitäten ins Tal importieren, nicht aber die Auswüchse der Metropole: Er sorgt sich, dass mit Projekten dieser Art die Glarner Pensionskasse und andere Investoren auf den Geschmack von Renditespiralen kommen.
Die Skepsis stammt aus der Planungsphase: Die kommunale Gestaltungskommission, ein Gremium aus Architekten und Raumplanern, sah in den Kartoni-Entwürfen eine austauschbare Überbauung mit «Resort-Charakter» à la Andermatt oder Unterterzen. Zudem forderten Fachkreise einen klassischen Architekturwettbewerb statt Sutters freies Dialogverfahren. In der heutigen Kritik steckt auch die Enttäuschung mancher Architekten, dass sie nicht zum Zug gekommen sind.
Röbi Sutter begegnet den Beanstandungen mit der Gelassenheit eines Mannes, der die Gesetze des Marktes seit Jahrzehnten kennt, ohne ihnen blind zu folgen. Er trat als Zuhörer auf, der am «Kartoni-Zmorgä» und an Workshops mit den Anwohnern diskutierte und das Projekt schrittweise anpasste.
Involvierte Glarner erzählen, Sutter habe während des gesamten Planungsverfahrens Gespür für sein Gegenüber bewiesen. Als Auswärtiger sei es ihm gelungen, sich auf die Anliegen und Ängste der Einheimischen einzulassen. Sein Büro hat Sutter in Baar, Erfahrung mit Projekten sammelte er in der ganzen Schweiz.
Adam Carusos Argumente kann Sutter nachvollziehen. «Caruso hat aus ökologischer Sicht recht. Wir haben geprüft, ob wir in die alten Gebäude Wohnungen bauen können. Aber das geht mit den Grundrissen nicht auf: Wie soll eine Familie in einer tiefen Industriehalle mit wenig Tageslicht leben?» Auch bezüglich Mobilität bleibt Sutter Realist: «Verkaufen Sie einmal jemandem in Glarus eine Wohnung ohne Parkplatz.»
Am Ende hatte Sutter Erfolg: Dass nach über einem Jahrzehnt von Mitwirkung, Hochwasserschutz-Auflagen, Abstimmungen und Zonenplanänderungen die Baubewilligung vorliegt, grenzt politisch an ein kleines Wunder. Wo gerade schwere Bagger die Baugrube ausheben, entstehen in den kommenden Jahren 150 Wohnungen, ein renaturierter Dorfbach und ein neuer Linthsteg.
Damit Kartoni nicht zur anonymen Siedlung verkommt, setzt Sutter auf Zonen der Begegnung und ein soziales Zentrum: Dort sollen das Hauptgebäude der Glarner Musikschule, eine Konzert- und Theaterbühne sowie ein Apartmenthaus entstehen, um der Überbauung vom ersten Tag an eine Seele zu geben – ein Ort, an dem sich Einheimische und Neue mischen.
Wer das neue Quartier bevölkern wird, zeigt ein Blick auf die Warteliste. Es sind viele Glarner, die im eigenen Tal schon lange nach Wohnraum suchen. Unter ihnen ältere Ehepaare: Sie wollen sich verkleinern und in eine Wohnung mit Lift und anderen modernen Annehmlichkeiten nahe am Dorfzentrum ziehen.
Indem Paare ihre Einfamilienhäuser freigeben, entschärfen sie ganz beiläufig ein Problem, das weit über Ennenda hinausreicht. Es ist eine der grossen Blockaden auf dem Schweizer Wohnungsmarkt: Weil passende und bezahlbare Wohnungen fehlen, bleiben ältere Leute in zu grossen Häusern und verunmöglichen unfreiwillig den Nachzug für junge Familien aus der Gegend.
Gleichzeitig ziehen weiterhin Zürcher ins Tal – und mit Projekten wie Kartoni werden es noch mehr werden. Doch viele der Neueinheimischen bleiben am liebsten unter dem Radar. Bei der Recherche für diesen Artikel gab es viele Absagen. Noch ist Ennenda ein Dorf. Und dort zählt, was die anderen von einem denken. Niemand möchte jene Gentrifizierung verkörpern, der man in der Stadt selbst entkommen ist.



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